Evaluation als Strategie und Instrument für die Gestaltung kultureller Vielfalt

Die Gestaltung kultureller Vielfalt ist ein zentrales gesellschaftliches Thema auf theoretischer und praktischer Ebene, welches nicht zuletzt durch die „UNESCO Konvention Kulturelle Vielfalt“ sowie über Leitlinien und Handlungsempfehlungen von Ländern und Kommunen als auch durch lokale Kultureinrichtungen und Initiativen verankert ist. Unter der Prämisse, dass interkulturelle Projekte besonders geeignet seien, den Prozess des gelingenden Zusammenlebens zu befördern, werden bundesweite und lokale Förderprogramme aufgelegt, die kreative und engagierte Menschen zu immer neuen interkulturellen Projekten motivieren. Mittlerweile gibt es einen reichen Erfahrungsschatz und auch regen Austausch über „best practice“. Was aber bewirken diese Projekte tatsächlich? Die Evaluationskultur in Bezug auf Kunst- und Kulturprojekte ist wenig ausgeprägt und kein selbstverständlicher Teil von Projektplanungen. Wo aber wird die Wirkung sichtbar und wie lässt sie sich messen oder nachweisen? Ob und in welcher Weise Evaluation als Strategie und als Tool für eine nachhaltige Gestaltung kultureller Vielfalt sinnvoll sein kann, soll in diesem Fachforum untersucht und diskutiert werden.

Mehrfach-Identitäten in einer diversen Solidargemeinschaft

Deutschland hat den Übergang zur Einwanderungsgesellschaft in weiten Teilen verbal vollzogen und doch erscheint es noch als ein langer Weg, diesen auch tatsächlich zu leben: Eine scheinbar unübersichtliche Vielfalt an Lebensentwürfen, deren kulturelle Identität nicht auf dem Entweder-Oder-Prinzip beruht, sondern sich im Zusammenspiel unterschiedlicher Wertvorstellungen und kultureller Prägungen findet. Klare ethnische Zuordnungen werden immer schwieriger, Mehrdeutigkeiten und Mehrfach-Identitäten immer wichtiger. Die „Mehrheitsgesellschaft ohne Mehrheiten“ muss sich neu erfinden, Diversität vorwärtsgerichtet diskutiert und Zukunftsmodelle eines „Zusammenhalts von Verschiedenen“ entwickelt werden. Wie finden wir zu einem Gemeinwesen, das Vielfalt in all ihrer Widersprüchlichkeit und Konfliktträchtigkeit anerkennt und Teilhabe, Chancengleichheit und Solidargemeinschaft – nicht nur als Worthülsen – für alle Mitglieder ermöglicht? Was ist die gemeinsame Basis für ein solidarisches Miteinander in einem Land, das vielleicht bald nur noch aus „Minderheiten“ besteht? Welchen Beitrag kann Kunst und Kultur in diesem Prozess leisten? Und nicht zuletzt: Wie verträgt sich die jeweilige Pflege von „kulturellem Erbe“ und die Sehnsucht nach „Heimat“ mit dem Kreieren neuer transkultureller Lebensentwürfe und Ausdrucksformen?

Handlungsansätze in einer vielfältigen Gesellschaft

Während die einen die Vielfalt unserer Gesellschaft schätzen und unabhängig von Herkunft oder Abstammung gemeinsam an der Zukunft arbeiten, zeigen aktuelle Untersuchungen und Wahlerfolge politischer Kräfte, die gesellschaftliche Vielfalt ablehnen, wie verbreitet Ablehnung, Rassismus und Vorurteile gegenüber „anderen“ sind. Das Fachforum stellt aktuelle Forschungsergebnisse dazu vor, insbesondere das Konzept der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Anschließend sollen anhand einiger ausgewählter Beispiele von Kampagnen und Programmen, sowie der Erfahrungen der Teilnehmenden gemeinsam Handlungsstrategien diskutiert und Empfehlungen zu Fragen wie den folgenden erarbeitet werden: Wie können Rassismus und Vorurteile überwunden werden? Welche Rolle spielen soziale Netzwerke bei der Verbreitung und Bekämpfung? Wie kann vermieden werden, dass gut gemeinte Projekte Vorurteile verstärken statt sie abzubauen? Was können Kulturprojekte beitragen? Welche Konfliktmanagementsysteme braucht eine „bunte“ Gesellschaft?

Für eine neue Erinnerungskultur im Migrationsdiskurs

Geschichte hat immer auch eine biografische Komponente: Wenn diesen Kontinent etwas eint, dann ist es die Erfahrung von erzwungener Migration. Von den Kolonisten des Feudalismus über die Vertriebenen der Weltkriege, den „Gastarbeiter-Strömen“ der 1960er Jahre bis hin zu den Bürgerkriegsflüchtlingen sind Zu- und Abwanderungen Teil der europäischen Geschichte. Dieses kollektive Gedächtnis gilt es im aktuellen migrationspolitischen Diskurs aber auch im interkulturellen Alltag zu erschließen. Dabei kann es nicht darum gehen, lediglich historische Erfahrungen zu reproduzieren. Vielmehr soll die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte den Verständigungsprozess einer kulturell zunehmend diversen Gesellschaft befördern. Zugleich wird die Frage der Auswahl von existenziellen Inhalten, von „deutschen Narrativen“ evident. Was gehört zur unverzichtbaren Erinnerungskultur Deutschlands und welche neuen Inhalte müssten dazukommen? Schließlich: Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Kunst und Kultur als Transmissionsriemen für das kulturelle Erbe? Das entsprechende Fachforum setzt auf zwei Ebenen an: einerseits bei den historischen Grundlagen und den gesellschaftlichen Konsequenzen der Zuwanderung im Blick auf das Selbstverständnis Deutschlands als Einwanderungsland; andererseits bei der Erfahrung von Verlust, Ausgrenzung und Neuanfang, die als kollektive Erinnerung nutzbar gemacht werden könnte. Ziel ist letztlich ein neuer gesellschaftlicher Konsens, der offen für Veränderung ist, ohne dabei essentielle Grundlagen eines friedlichen Miteinanders infrage zu stellen.

Interkulturelle Kunst und Kulturarbeit im europäischen ländlichen Raum

Kulturpolitik ist in Deutschland wie in Europa ist in erster Linie eine Kulturpolitik der Städte und städtisch geprägter Regionen. Die Möglichkeiten kultureller Teilhabe und künstlerischer Produktion sind neben soziodemografischen Faktoren auch regional differenziert. Auch wenn der ländliche Raum in aktuellen politischen Diskursen eine wichtige Rolle spielt, werden die strukturellen und sozialen Besonderheiten dieser europäischen Räume und deren Relevanz für eine zukunftsweisende (europäische) Kulturpolitik selten thematisiert. Ungeachtet dessen aber zeigt besonders der ländliche Raum große Kreativität in Bezug auf funktionierende Strukturen und einen bestehenden Zusammenhalt, in dessen Ergebnis interkulturelle Projekte entstehen, die genau diese vor Ort binden und stärken. Besonders deutlich wird dies im Kontext der Aufnahme von Menschen mit Fluchterfahrung. Viele Aktionen und Projekte haben eine integrative Wirkung entfaltet. Sind vielleicht gerade die ländlichen Räume Motoren für Kreativität, künstlerische und gesellschaftliche Innovation? Wie kann man diese vorhandene Kreativität und integrative Kraft stärken und auch strukturell unterstützen? Welche spezifischen interkulturellen Handlungsfelder sind für den ländlichen Raum zu identifizieren? Lassen sich diese auf größere, europäische, Strukturen übertragen? Das Fachforum setzt sich zum Ziel, Handlungsempfehlungen und strukturelle Ansätze zu entwickeln.

Die europäische Gemeinschaft zwischen zivilgesellschaftlichen Initiativen und identitären Tendenzen

Die im internationalen Vergleich wohlhabende Europäische Gemeinschaft tut sich schwer mit der Herausforderung, sich den weltweiten Migrationsbewegungen zu stellen. Insbesondere die Geflüchteten aus den Kriegs- und Armutsregionen der südlichen und südöstlichen Hemisphären erscheinen einigen Staaten als eine Bedrohung ihres nationalen Selbstverständnisses, ihrer Grundwerte, ihres wirtschaftlichen Status: Öffnen oder Schließen der Grenzen, Exkludieren oder Integrieren sind die Optionen. Aber wird damit die EU damit nicht selbst ihres Kerns der „europäischen Werte“ verlustig? Die 28 Staaten der EU ringen um eine gemeinsame Haltung, in Politik und Zivilgesellschaft: In allen europäischen Ländern brechen innerhalb, wie zwischen Gruppen engagierter Bürger Konflikte auf. Setzen sich identitäre und nationalstaatlich orientierte Positionen der Bestandserhaltung durch? Oder trägt eine gemeinsame solidarische Grundhaltung, basierend auf einem inkludierenden Demokratieverständnis, auch eine Bereitschaft des Teilens und des Veränderns? Das Forum „ Europa – Einheit in Vielfalt?“ wird sich insbesondere von der Seite der Zivilgesellschaft diesem Fragenfeld annähern. Aus der Analyse der gesellschaftlichen Entwicklungen der verschiedenen Ländern heraus werden wir uns den Differenzen, aber auch den sich annähernden Handlungsansätzen zwischen verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gruppierungen, Positionen und Aktionen innerhalb der einzelnen Länder, insbesondere aber der Interaktionen und des gegenseitigen Unterstützens über Landesgrenzen weg nähern. Ziel soll es sein anhand der vielen europäischen bürgerschaftlichen Initiativen im Bereich Flüchtlingsarbeit und Willkommenskultur einer neuen gemeinsamen Gegenbewegung zur offiziellen EU-Politik, vor allem aber gegen rassistische, identitäre Umtriebe nachzuspüren.