Für eine neue Erinnerungskultur im Migrationsdiskurs

Geschichte hat immer auch eine biografische Komponente: Wenn diesen Kontinent etwas eint, dann ist es die Erfahrung von erzwungener Migration. Von den Kolonisten des Feudalismus über die Vertriebenen der Weltkriege, den „Gastarbeiter-Strömen“ der 1960er Jahre bis hin zu den Bürgerkriegsflüchtlingen sind Zu- und Abwanderungen Teil der europäischen Geschichte. Dieses kollektive Gedächtnis gilt es im aktuellen migrationspolitischen Diskurs aber auch im interkulturellen Alltag zu erschließen. Dabei kann es nicht darum gehen, lediglich historische Erfahrungen zu reproduzieren. Vielmehr soll die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte den Verständigungsprozess einer kulturell zunehmend diversen Gesellschaft befördern. Zugleich wird die Frage der Auswahl von existenziellen Inhalten, von „deutschen Narrativen“ evident. Was gehört zur unverzichtbaren Erinnerungskultur Deutschlands und welche neuen Inhalte müssten dazukommen? Schließlich: Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Kunst und Kultur als Transmissionsriemen für das kulturelle Erbe? Das entsprechende Fachforum setzt auf zwei Ebenen an: einerseits bei den historischen Grundlagen und den gesellschaftlichen Konsequenzen der Zuwanderung im Blick auf das Selbstverständnis Deutschlands als Einwanderungsland; andererseits bei der Erfahrung von Verlust, Ausgrenzung und Neuanfang, die als kollektive Erinnerung nutzbar gemacht werden könnte. Ziel ist letztlich ein neuer gesellschaftlicher Konsens, der offen für Veränderung ist, ohne dabei essentielle Grundlagen eines friedlichen Miteinanders infrage zu stellen.